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PERSÖNLICHE ERINNERUNG:
  • AutorIn: Otto Tausig
  • Geburtsdatum: 13.2.1922
  • Wohnort: Döbling, Wien
  • Land: Österreich
  • Erstpublikation:
    Mandelbaum Verlag, März 2005
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Otto Tausig

"Kasperl, Kummerl, Jud". 02 / 1938

Aus dem Kapitel: "Dann war er da, der Hitler"

Am Tag des Hitlereinmarsches hatte ich abends eine Karte für das Burgtheater und mein Vater sagte, ich könne da nicht hingehen. Warum ich an jenem Abend nicht ins Theater gehen durfte, verstand ich nicht. Auf Raoul Aslan verzichten wegen dieses blöden Hitler! Mein Vater machte mir damals klar, daß jetzt eine andere Zeit angebrochen war, daß wir jetzt nicht mehr tun konnten, was wir wollten. Im Schwarzenbergpark, wo ich immer - Rilke oder Heine lesend - saß, stand jetzt auf den Bänken: "Nur für Arier". Das war der erste Fußtritt. Es dauerte dann noch eine Weile, bis ich wirklich kapierte, was los war, und es auch am eigenen Leib zu spüren bekam.

Nachdem ich als Jude aus der Schule geflogen war, sagten meine Eltern: Du musst jetzt irgendwo etwas Praktisches lernen. - Ich lernte Maschinstricken. Der Kurs fand in einem kleinen ebenerdigen Lokal statt, schräg gegenüber der Roßauer Kaserne. Zum eigentlichen Stricken mit der Maschine kam ich nicht mehr, denn die erste Stunde war am 10. November 1938. Alles, was ich lernte, war, Knopflöcher zu säumen. Das kann ich noch heute. Ich habe diese Fähigkeit dann im Leben nicht mehr dringend gebraucht.

Die Türen dieses Lokals gingen direkt auf die Straße hinaus, was wirklich ein Glück war, weil ich dadurch entkommen konnte, als die SA das Lokal durchsuchte.

Ich haute ab und ging den weiten Weg in den 4. Bezirk, wo ich wohnte, zu Fuß, den Mantelkragen hochgeschlagen, damit man nicht sehen konnte, daß kein Hakenkreuz dran war. Damals trug jeder in Wien das Hakenkreuz, auch erbitterte Nazigegner, um nicht aufzufallen. Wer also keines im Knopfloch hatte, war erkannt als Jude. Unsere Wohnung war mit einer großen Eisentür verschlossen. Hätte es geläutet, wir hätten nicht aufgemacht. Wir wussten ja, das kann nur die SA sein, um uns zu verhaften.

Aber mein Vater war ja schwerhörig, sodass er die SA nicht gehört hatte, als er sich ein Glas Wasser vom Wasserhahn im Korridor holen wollte. Er öffnete die Wohnungstür, lief ihnen direkt in die Arme und wurde weggeschleppt. Meine Mutter rannte ihm nach und versuchte, etwas zu tun, aber er wurde ins Gefängnis und später ins Konzentrationslager gebracht.

Ich war nun allein zu Hause. Das letzte Geld, das wir hatten - das später meinen Eltern ermöglichte, nach Shanghai zu emigrieren -, nähte ich in einen Nähpolster ein, steckte ihn in die Tasche und versuchte, zu meiner Großmutter zu kommen, um mich dort zu verstecken. Überall auf der Straße waren SA-Trupps. Ich gehe und sehe in einem Schaufenster gespiegelt, hinter mir ist ein SA-Trupp, die kommen mir nach.

Um nicht aufzufallen, zwang ich mich, weder zu rennen noch langsam zu gehen. Plötzlich aber wurden sie gestoppt vom Blockwart unseres Hauses, für dessen Kinder ich immer Kasperltheater gespielt hatte. Der Mann war ein illegaler Nazi gewesen. Und jetzt sah ich in der Schaufensterscheibe, wie er die Leute aufhielt. Ich bin davon und war gerettet.

Einige Zeit später zeigte sich dann das goldene Wiener Herz unseres Herrn Blockwarts. Die großen Razzien des 10. November waren für den Moment vorbei. Mein Vater war noch in Haft, aber meine Mutter und ich saßen wieder in unserem Wohnzimmer, als es läutete und der Herr Blockwart zu Besuch kam. Er nahm Platz und schilderte mit bewegten Worten, wie er mich damals vor den SA-Männern gerettet hatte, indem er ihnen eingeredet habe, ich sei Ausländer.

Gerührt dankte ihm meine Mutter. Sehen Sie, fuhr er treuherzig fort, Sie haben da eine Schreibmaschine. Würde jemand wie ich damit Briefe und Ansuchen schreiben, man könnte noch viele Menschen retten. - Meine Mutter schenkte ihm die Schreibmaschine. Sie schenkte ihm auch noch die Silbersachen, die er in unserer Vitrine sah. Er meinte, es könne noch manchem geholfen werden, wenn man die Dinge zu Geld mache.

Beladen mit der Sorge um die Verfolgten und mit allen Wertsachen aus unserer Wohnung verließ uns unser mitfühlender Beschützer. Ein paar Wochen später wurde unsere Wohnung "arisiert" und wir zogen zu den Großeltern in die Schelleingasse, nicht weit von der Favoritenstraße, wo wir gewohnt hatten.

© Mandelbaum Verlag 2005.

Otto Tausig für WGMSG, 29.1.2006

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